Aufsteigendes Yang

Heute ist Wintersonnenwende: der kürzeste Tag des Jahres. Wenn wir mal das Taijitu – also das Yin-Yang-Symbol für die Harmonie der Gegensätze nehmen, um den Jahreslauf der Sonne darzustellen, sind wir am Punkt des höchsten Yin (Farbe: schwarz). Die Nacht dauert derzeit einiges länger als der Tag. Heute dreht es sich wieder von einem Extrempunkt um ins Gegenteil. 

An ihrem Extrempunkt schlagen die Gegensätze in ihr Gegenteil um. Nach den immer längeren Nächten dreht es sich nun wieder und die Tage werden länger. Die Nächte dafür auch wieder kürzer – beides gehört ebenfalls zusammen in der Harmonie der Gegensätze. Die gehören zu einander und überwinden einander auch immer wieder oder wechseln sich ab – wie auch immer man es sehen will.  Die Gegensätze ergänzen einander zu einem runden Ganzen, solange das Gleichgewicht stimmt. Und zumindest der Sonnenlauf oder besser der Lauf der Erde um die Sonne ist ja stabil.

Ein Konzept – keine Zuschreibung

Da es hier um ein Konzept geht, das beliebige Gegensätze und ihre harmonische Entwicklung darstellt, widerspricht das auch nicht der Feststellung, dass mit Blick auf die Jahreszeiten gesprochen die Yin-Phase andauert. Wir haben Winter, das entspricht dem großen Yin. Wasser-Wandlungsphase. Und auch meteorologisch stehen uns die kältesten Wintermonate eher noch bevor.

Doch die Gegensätze, von denen wir mit Blick auf Yin und Yang sprechen, sind auch nur Gegensätze im Verhältnis zu einander. So definieren sie sich. Die Festlegung von etwas als Yin oder Yang ist also nicht absolut, sondern nur im Verhältnis zu einander und ergeben auch nur im Verhältnis zu einander Sinn. Kein Rechts ohne Links, kein Unten ohne Oben, kein Innen ohne Außen, kein Ausdehnen ohne Zusammenziehen, kein Dunkel ohne Hell etc. Das lässt sich für alle Yin- und Yang-Gegensatzpaare sagen.

Gegensätze sind im Wandel

Ebenso wie sich damit über alle Gegensatzpaare sagen lässt, dass sie nach Erreichen ihres Höhepunkts umschlagen in ihr Gegenteil. Sich wandeln. Langsam, zuerst fast unmerklich. Allmählich. Und so fast verschwinden. Das Gesetz des Wandels ist ein weiteres Konzept und grundlegendes Prinzip. Und mit Blick auf das Taijitu also: Nach dem extremen Yin folgt das kleine und aufsteigende Yang, dann das große Yang bis zum Extrem im nächsten Sommer – kurz bevor es dann wieder umschlägt ins kleine und stetig wachsende Yin und so weiter. Bis es wieder umschlägt.

Die Harmonie und der Wandel der Gegensätze Yin und Yang ist ein grundlegendes daoistisches Konzept. In all ihrer Komplexität und Vielfalt sind die vielen denkbaren Gegensätze dargestellt im Buch der Wandlungen Yijing (I Ging)  mit seinen 64 Hexagrammen – bei denen die unterbrochene Linie Yin und die durchgezogene Linie Yang darstellt. Und bei dem sich in den fast unendlichen Kombinationsmöglichkeiten von Yin und Yang, die hier auch noch hart oder weich sein können, eine bunte Welt von Möglichkeiten im Wandel der Zeit ergibt. Die die Daoisten nutzen, um die Welt zu verstehen – und sie vorherzusehen.

Ein und aus

Wir nutzen das Konzept von Yin und Yang auch ganz natürlich zum Lernen. Im Film „Opening Dao“ spricht Chad Hansen, Professor für chinesische Philosophie an der Universität Hong Kong darüber, wie in den Kinderbüchern seiner Kinder alle neuen Sachverhalte stets über das Gegenteil begreiflich gemacht werden. Etwas ist auf dem Tisch, etwas anderes darunter. Jemand steht vor der Tür, jemand anders dahinter und so weiter. Es ist die Natur unseres Geistes. So lernen wir.

Und so üben wir auch. Wenn wir mit unserem Atem nach unten lösen (Yin-Komponente), bleibt der Scheitel stets am Himmel wie aufgehängt (Yang-Aspekt). Ganz wichtig. Nachdem wir eingeatmet haben (Yin), atmen wir auch wieder aus (Yang). Und machen ganz natürlich auch unsere Atempausen, bevor es wieder – am besten ganz von selbst – zur nächsten Atemphase wechselt. Wir spannen an und entspannen.

Licht tanken

Ab heute wird es um uns herum also wieder heller. Yang ist im Aufsteigen, das Dunkle zieht sich zurück. In der daoistischen Tradition gelten die beiden Sonnenwendtage am 21. Dezember und 21. Juni ebenso wie auch die beiden Tag- und Nachtgleichen im Frühling und Herbst als besonders günstig für Meditation und Übungen und auch als heilige Tage.

Ich empfehle, die nach wie vor wenigen Sonnenstunden der Tage zu nutzen und rauszugehen. Ein Spaziergang mit den Lieben sorgt sicher auch für ausgeglichenere Stimmung zur Weihnachtszeit. Natürliches Licht kann uns außerdem nur gut tun, gerade jetzt – schon mit Blick auf unseren Biorhythmus, der sich durch die Sonnenstrahlung reguliert. Und zumindest hier und da ein paar Qigong- und Atemübungen oder auch Taijiquan helfen uns natürlich immer.

Und ich empfehle auch, sich – vielleicht an den Feiertagen – diesen wunderbar herzlichen Ted-Talk von Meister Chungliang Al Huang anzuschauen – über Yin-Yang und ein paar weitere Grundlagen der daoistischen Lehre und Übung.

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