Weiße Wolke

Wolken haben für Daoisten als Sinnbild von Reinheit und Leichtigkeit große Bedeutung. Besonders weiße Wolken haben es den Daoisten angetan: Sie sind als die leichtesten – von Regenwasser unbeschwertesten – Dampfgebilde dem Himmel am nächsten. Und so ist auch das Ansinnen der Daoisten, uns mit der Kultivierung unserer inneren und äußeren Praktiken selbst rein und durchlässig zu machen – frei von dem, was unser Herz, Gedanken oder auch Seele beschwert: jeden Tag aufs Neue.

Die Farbe Weiß ist aufgeladen mit diesem Symbolismus. Weiß ist daher auch die Farbe der Taiji-Uniformen an den Schulen in den Wudangbergen. Eine der größten Tempelanlagen und einziges größeres aktives Kloster in Beijing (Peking) ist der Weiße-Wolke-Tempel oder auch Kloster der Weißen Wolke. Meister Guan Yongxing hat hier sein Studium der daoistischen Philosophie absolviert.

Das strahlende bis silbrige Weiß einer von Licht beschienenen Wolke ist auch der jetzt im Herbst vorrangigen Wandlungsphase Metall zugeordnet. Die Wandlungsphase Metall ist der traditionellen chinesischen Medizin zufolge Lunge und Dickdarm zugeordnet. Jeder Wandlungsphase gehört ein sogenannter Spirit an, was nicht weiter spektakulär klingt, wenn wir uns vor Augen halten, dass auch wir nach westlichem Verständnis die Spirits benennen – nur eben erst, wenn wir aus dem Gleichgewicht geraten sind: Dann ist rasch jemand von allen guten Geistern verlassen, wie es im Volksmund so schön heißt. Die Daoisten nutzen die Spirits hingegen, um den gesunden Zustand des Menschen zu erfassen – Teil des Konzepts der fünf Wandlungsphasen (Wu Xing).

Und so ist die der silbrig-weißen Wandlungsphase Metall zugeordnete Geist oder Spirit die Körperseele „Po“. Sie ist stark, wenn unsere Lungenenergie stark ist – dann besitzen wir Mut und Tatkraft. Po baut sich aus dem Qi der Lunge ihre Hütte, lerne ich in meiner Ausbildung bei Gerhard Milbrat. Im Wudang-Wuxing-Qigong üben wir für die Wandlungsphase Metall die Schlange und stärken damit das Organsystem Lunge sowie die Haut. Im Wuxing-Qigong der inneren Schule der Longmen-Tradition üben wir unter anderem mit der Vorstellung einer weißen Wolke.

Von der Körperseele Po habe ich irgendwo gelesen, dass sie auch übersetzt wird mit „Wolkengeist“. Sich die Lunge und auch den Dickdarm (die beide der Wandlungsphase Metall zugeordnet sind) als weiße Wolke vorzustellen, ist eine sehr hilfreiche Vorstellung beim Üben oder auch einfach zwischendurch im Alltag, die ich hiermit sehr empfehle. Wir pressen unseren Atem nicht heraus, sondern lassen ihn als weißes Wölkchen entweichen – möglichst vollständig. Und in Ruhe können wir uns auch vorstellen – fühlen –, wie sich in unserem Inneren eine weiße Wolke ausbreitet: über den gesamten Rumpf. Lunge und Dickdarm sind Yin und Yang-Bestandteil derselben Wandlungsphase – und so in friedlicher Harmonie vereint, gern durch eine große weiße Wolke. Diese kann dabei sehr hilfreich sein, auch praktisch – nicht nur symbolisch.

Tipp: Zwiebel ist das Lungengemüse, vorbeugend und heilend bei Infekten. Und Ingwer – mit heißem Wasser übergossen und etwas Rohrohrzucker dazu – wärmt uns in der kalten Jahreszeit von innen her.