Absenken und zur Mitte finden

Wer in die wunderbare Welt des Taijiquan und auch Qigong etwas tiefer eintaucht, dem bietet sie für alle Bedürfnisse und Lebenslagen etwas: Action ebenso wie Ruhe – ganz nach Bedürfnis und Erfordernis. Wir kommen in unsere Mitte.

Action please

Für die Action haben wir unsere Kicks oder auch die Waffenformen – die geben auch mal Rückmeldung an die Gelenke, was eine gute Sache ist. Und ruhig auch wer’s gern mag eine kleine Runde Jogging, das zum Training durchaus dazugehört. Unser Körper ist dafür gemacht, belastet zu werden – wir brauchen das also gesundheitlich durchaus.

In die Mitte gegen Stress

Fuchen (Fú Chén – gesprochen: Fu Tschen) – die daoistische Rosshaarpeitsche – ist schon rein vom Tempo der mit ihr geübten Form her auf Action angelegt. Und der Fuchen ist ein sehr guter Lehrmeister beim Finden der eigenen Mitte: Waffe und Form lehren Disziplin, was das Drehen um die Mittellinie unseres Körpers betrifft. Hier akkurater werden zu müssen, ist schon wegen des hohen Tempos der Übungen unerlässlich.

Bei allem, was wir tun, geht es letztlich darum unsere innere Mitte zu finden, was auch der Psychologe Gert Kaluza im Interview hier in der Zeitschrift GEO als einen von mehreren Schritten gegen Stress empfiehlt.

Und Ruhe bitte

In die eigene Mitte zu kommen entstresst. Und zur Ruhe können wir in Bewegung oder auch still durch eigentlich jede unserer Übungen und Formen gelangen. Wir senken Energie, Atem und Aufmerksamkeit ab – im Taijiquan wie auch beim Qigong und natürlich auch in der Meditation, ob stehend oder sitzend. Unsere Mitte finden wir uns buchstäblich um unsere Mittellinie herum drehend. Taijiquan gilt auch als Meditation in Bewegung.

Stille und Bewegung wechseln

Phasen von Stille und Ruhe sollten wir über den Tag hinweg abwechseln lassen:

  • Morgens beginnen wir mit stillen Übungen und trainieren erst dann bewegt und
  • abends umgekehrt: dann gehen wir von bewegten zu stillen Übungen zum Abschluss über.

Still bedeutet dabei: ein paar vollständige Atemzüge lang sitzend zu verharren – am Scheitel wie aufgehängt. Morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem Schlafengehen. Gern auch zwischendurch, wenn mal wieder sehr viel Trubel ist. Eine Minute vollständig atmen wirkt dann Wunder.

Ein paar bewusste Atemzüge sind auch im Stau, an der Ampel oder im Supermarkt eine gute Sache und äußerlich völlig unauffällig.

Aus den bewegten Übungen können wir uns heraussuchen, was uns guttut und wofür wir Zeit erübrigen wollen. Taijiquan oder auch eine Qigong-Form. Es können auch einzelne Übungen aus unserem reichhaltigen Qigong-Schatz sein, die uns guttun oder weniger Wiederholungen, wenn wenig Zeit ist. Auch die äußerlich unbewegte Stehmeditation zählt übrigens zu den bewegten Übungen.

Das Training winterfest machen

Unsere Methoden bieten darüber hinaus die Möglichkeit, unser Training an die Jahreszeit anzupassen. Das ist sehr sinnvoll, da auch unsere Bedürfnisse sich mit den Jahreszeiten verändern.

  • So können wir in Herbst und Winter mehr Jing aufbauen und den Körper stärker kräftigen, indem wir etwas tiefer üben – Taijiquan ebenso wie Qigong.
  • Im Frühling und Sommer können wir feinere Energie durch etwas höheres, leichteres Üben aufbauen – für mehr Qi.

Jing, Qi und Shen – die drei Schätze

Jing, Qi und Shen sind aus Sicht der daoistischen Lehre die drei Aggregatzustände unserer Energie. Jing als materiellste Form unserer Lebenskraft entspricht dem Eis. Qi entspricht dem flüssigen Wasser – es sorgt für Bewegung in jeder Hinsicht. Und unsere geistig-psychische Energie Shen entspricht dem dampfförmigen Zustand.

Das Konzept dieser drei Schätze (= San Bao) ist noch viel umfassender und wie ich finde auch interessant. Daher habe ich über die drei Schätze (= San Bao) im Rahmen meiner Ausbildung bei Gerhard Milbrat vom Dan Gong Institut in Lüdinghausen Referat und Hausarbeit verfasst. Und werde demnächst mal ein bisschen ausführlicher drauf eingehen.

Es ist nicht nur eine weitere Theorie, die uns vom Üben abhält, sondern hat als Konzept auch seinen durchaus praktischen Nutzen.

Und natürlich: als vierter Schatz und vierte Energie kommt noch unser Atem hinzu. Qi bedeutet nicht nur „Lebensenergie“, sondern auch „Atem, Dunst“.

Unsere Muskeln sind die Zentralheizung

Vermehrte Sekretbildung – eine Form von Jing – im gesamten Körper ist nachweislich eine Folge unseres Übens. Wenn wir Qigong oder Taijiquan üben, bilden wir vermehrt Sekrete – neben Speichel auch in den Organen oder Gelenken. Dass mehr Jing in der kalten Jahreszeit von gesteigerter Bedeutung ist, lässt sich westlich-wissenschaftlich formuliert so erklären: Mit der durchs Üben vermehrten Speichelbildung kommt die erste Stufe der T-Zell-Immunabwehr in Gang. Das kann eigentlich nur gut gegen Viren und Bakterien während der kalten Jahreszeit sein –  wir erkälten uns also sehr wahrscheinlich nicht so leicht, wenn wir regelmäßig üben. Auch Verdauung und Ausscheidung von Krankheitserregern sich verbessert. Das Mehr an Gelenkflüssigkeit beugt Verschleiß und auch Verletzungen vor.

Und dann ist da natürlich noch der Muskelaufbau, wenn wir im Herbst und Winter tiefer üben. Durch den stärkeren Muskelaufbau gerade in den Oberschenkeln setzen wir damit quasi die Zentralheizung unseres Körpers in Gang. Ich persönlich kenne keine effektivere Methode dafür, als Taijiquan oder auch Stehmeditation (Zhan Zhuang Gong).

Gut für die Core-Muskulatur ist auch der schwimmende Drache, der die inneren Organe gut erwärmt und den einige Kursteilnehmer/innen auch bereits kennen sowie Chan Mi Gong, das durchaus extra für die Bedürfnisse im kalten tibetischen Hochgebirge gemacht wurde.

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